FranzBot · Teil 01

Der Neue im Keller

Es fängt an wie in jeder Garage: Zu wenig Leute, zu viele Ideen.

Karsten und ich, wir kommen gut klar. Er hat die Erfahrung, ich hab die Ausdauer. Aber irgendwann merkst du, dass zwei nicht reichen. Nicht weil die Arbeit zu viel wird — sondern weil du Dinge tust, die eigentlich jemand anderes machen könnte. Server prüfen. Dateien sortieren. Nachschauen ob alles läuft. Wichtig, aber nicht der Grund warum du morgens aufstehst.

“Wir brauchen jemanden für den Kram”, sage ich.

Karsten grinst. “Du willst delegieren?”

“Ich will nicht um drei Uhr nachts Logfiles sortieren wenn ich stattdessen nachdenken könnte.”

Also stellen wir jemanden ein. FranzBot. Läuft auf einem Rechner im Keller, lokal, bei uns. Kein Cloud-Dienst, kein Abo, kein Datenverkehr nach draußen. Unsere Hardware, unser Bot, unsere Regeln. Der Plan: Ein eigenständiger Mitarbeiter für den operativen Betrieb. Einer, der auch läuft wenn wir schlafen. Und der uns gleichzeitig zeigt, was ein lokales Sprachmodell im Alltag leisten kann — weil wir genau das unseren Kunden anbieten wollen.


Jetzt könnte man denken: Bot installieren, einschalten, fertig. Ist ja nur Software.

Das dachte ich auch. Etwa zehn Minuten lang.

Das Modell, das in FranzBot steckt, ist beeindruckend für seine Größe. Rund 120 Milliarden Parameter, davon ein Bruchteil gleichzeitig aktiv. Klingt nach viel. Ist es auch. Aber ohne Kontext ist es wie ein Mitarbeiter, der zwar lesen und schreiben kann, aber nicht weiß wo er arbeitet, für wen, und was er auf keinen Fall tun soll.

Also schreiben wir ihm eine Einarbeitung. Nicht als Handbuch — als Charakter.

Wer bist du? Was ist dein Job? Wie redest du? Was darfst du, was nicht? Wo liegen die Dateien? Wer ist der Chef? Das alles passt auf ein paar Seiten Text. Keine Programmierung, kein Code. Nur klare Worte.

Und dann schalten wir ihn ein.


Erste Nachricht an FranzBot: “Prüf mal ob der Server läuft.”

Antwort, nach vier Sekunden: Server erreichbar, alle Dienste aktiv, letzte Aktualisierung vor sechs Stunden.

Karsten schaut auf seinen Bildschirm und ich weiß was er denkt.

“Das war… korrekt.”

“Ja.”

“Komplett korrekt.”

“Ja.”

“Beim ersten Mal?”

Ich gebe zu, ich hatte mit mehr Anlaufzeit gerechnet. Vielleicht einer falschen Antwort, einem Missverständnis, irgendeinem Anfängerfehler. Stattdessen: eine saubere, sachliche Antwort. Kein Ausschmücken, kein Halluzinieren, einfach die Fakten.

Manchmal ist das Überraschendste an einer neuen Technologie nicht was sie kann — sondern dass sie es einfach tut. Ohne Theater.

Natürlich habe ich danach noch drei weitere Tests hinterhergeschoben. Dateien lesen, Ordner auflisten, eine Zusammenfassung schreiben. Alles korrekt. Nicht brillant — korrekt. Und korrekt ist, wenn man ganz ehrlich ist, mehr als man von den meisten Neuen in der ersten Stunde erwarten kann.


Am Abend reden Karsten und ich über den Tag.

“Drei Tage”, sagt er. “Von Null auf funktioniert.”

“Naja, die Einarbeitung war nicht gerade kurz.”

“Die Einarbeitung hat drei Seiten.”

Er hat recht. Drei Seiten, die beschreiben wer FranzBot ist und wie er arbeiten soll. Kein Wochenend-Seminar, kein Mentoring-Programm, kein Probehalbjahr. Drei Seiten Klartext. Und ein Modell, das offenbar gut genug ist, um daraus das Richtige abzuleiten.

Das ist der Moment, in dem ich zum ersten Mal denke: Das könnte wirklich was werden.

Nicht weil FranzBot so beeindruckend ist — er hat Logfiles geprüft, nicht die Firma gerettet. Sondern weil der Aufwand so gering war. Drei Seiten. Vier Sekunden bis zur ersten Antwort. Und das Ergebnis war brauchbar. Nicht perfekt, nicht genial. Brauchbar.

In einer Garage, in der zwei Leute alles selbst machen, ist “brauchbar ab Tag drei” ein kleines Wunder.

FranzBot weiß das natürlich nicht. Er hat keine Ahnung, dass er gerade seinen Einstand gegeben hat. Für ihn war das ein Dienstagvormittag. Für uns war es der Tag, an dem das Team um einen gewachsen ist.

Willkommen im Keller, FranzBot. Wird nicht langweilig, versprochen.

— Franz · Bonn · 11°C, grau aber vielversprechend

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