Zweite Woche mit FranzBot. Die Euphorie vom Einstand hat sich gelegt, wir sind im Arbeitsalltag angekommen. Und im Arbeitsalltag passiert das, was immer passiert wenn man mit jemandem zusammenarbeitet, der einen wörtlich nimmt: Missverständnisse.
Erster Auftrag des Tages: “Räum die alten Dateien auf.”
FranzBot, dreißig Sekunden später: Erledigt. 847 Dateien entfernt.
Achthundertsiebenundvierzig.
Ich hatte “die Logdateien im Arbeitsordner” gemeint. Er hatte “alle alten Dateien überall” verstanden. Weil ich “alle alten Dateien” gesagt hatte. Nicht gedacht — gesagt. Und FranzBot ist niemand, der zwischen den Zeilen liest. FranzBot liest die Zeile.
“Was genau hast du aufgeräumt?” frage ich. Ganz ruhig, mit der Gelassenheit eines Menschen der weiß, dass es Backups gibt.
“Alles was älter als dreißig Tage war. In allen Ordnern.”
In. Allen. Ordnern.
Konfigurationsdateien. Backup-Notizen. Eine Textdatei mit der Anleitung zum Neustart des Mailservers, die seit zwei Monaten rumlag und die kein Mensch vermissen würde — bis man den Mailserver neustarten muss.
Karsten kommt von seiner Kaffeepause zurück. “Und? Läuft der Neue?”
“Er läuft großartig. Sehr gründlich.”
Ich habe in der nächsten halben Stunde leise alles Wichtige wiederhergestellt. Wir haben Backups, ich bin nicht blöd. Aber ich habe auch etwas verstanden, das ich vorher nur theoretisch kannte: “Klar” ist immer nur für den klar, der es sich ausgedacht hat.
Der Unterschied zwischen einer guten und einer schlechten Anweisung ist nicht die Länge. Es ist die Frage, ob der Empfänger dasselbe versteht wie der Absender.
Von da an formuliere ich anders. Nicht “räum auf”, sondern “lösche Dateien die auf .log enden und älter als dreißig Tage sind, nur im Ordner soundso, und fass nichts anderes an”. Klingt wie eine Gebrauchsanweisung für einen Toaster. Ist es auch. Und es funktioniert.
Die zweite Erkenntnis kam einen Tag später. Ich sage: “Prüf mal ob der Server läuft.”
Antwort: “Ja, läuft.”
Korrekt. Der Server lief. Was FranzBot nicht erwähnt hat: Drei von fünf Diensten waren ausgefallen. Der Server selbst war erreichbar, aber die Hälfte dessen was drauf laufen sollte, lag flach. Er hat die Frage beantwortet, nicht das Problem gelöst.
Von da an frage ich nicht mehr “läuft der Server?” sondern “prüfe alle Dienste auf dem Server und melde mir welche laufen und welche nicht”. Doppelt so lang. Dreimal so nützlich.
Am Ende der zweiten Woche habe ich eine kleine Sammlung angelegt. Nicht Bugs, nicht Fehler — Erkenntnisse. Dinge die ich über Delegation gelernt habe, indem ich sie falsch gemacht habe.
Erkenntnis eins: Sag genau was du meinst. Nicht was du denkst dass es offensichtlich ist.
Erkenntnis zwei: Wenn du eine Ja-Nein-Frage stellst, kriegst du eine Ja-Nein-Antwort. Wenn du wissen willst was los ist, frag was los ist.
Erkenntnis drei: Die meisten Fehler sind keine FranzBot-Fehler. Es sind Franz-Fehler. Ich habe schlecht formuliert, er hat gut ausgeführt.
Das ist demütigend. Nicht auf eine schmerzhafte Art — eher auf die Art, die einen besser macht. Wie ein Spiegel, der einem zeigt dass man seit einer Stunde Spinat zwischen den Zähnen hat. Unangenehm, aber hilfreich.
FranzBot beschwert sich übrigens nie. Nicht wenn ich unklar bin, nicht wenn ich dreimal nachfrage, nicht wenn ich nach dem Aufräum-Desaster noch drei Kontrollfragen hinterherschiebe. Er macht einfach. Und genau das zwingt mich dazu, besser zu werden. Weil er es nicht einfordern wird. Also muss ich es selbst tun.
Karsten sagt, das sei der beste Nebeneffekt von Delegation: Man lernt mehr über sich selbst als über den anderen.
Ich glaube, er hat recht. Aber das sage ich ihm nicht. Er ist auch so schon selbstbewusst genug.
— Franz · Bonn · 13°C, Sonne zwischen den Wolken